
- Dieter Kosslick im Interview mit Moritz Döbler - Janine Noack
Zur "Open Lecture - Business meets Culture – 60 years of Berlinale" versammelten sich knapp 100 Studierende, Lehrende und Interessierte in der European School of Management and Technology (ESMT) am Schlossplatz, um mehr über die Internationalen Filmfestspiele in Berlin zu erfahren. Moderator Moritz Döbler vom Tagesspiegel zögerte nicht lange Dieter Kosslick mit neugierigen Fragen zu versorgen.
Ein einstimmender Film mit Bildern der letzten Berlinalen und reichlich product placement der damaligen Sponsoren sorgte für den richtigen Einstieg: Auf Döblers' Frage, warum so viele Volkswagen in diesem Film zu sehen waren, antwortete Kosslick lässig: "Wenn der Untertitel Business meets Culture heißt, müssen wir ja einen Film für Manager und Unternehmen zeigen. Die Hauptzielgruppe der Berlinale ist weiblich, jung, hat viel Geld, interessiert sich für Filme und für ökologische Autos, die weniger CO2 ausstoßen."
Für mehr Verantwortung in der Welt
Im nächsten Jahr wird alles anders. Die bisherigen Sponsoren, namhafte Wirtschaftskonzerne, sollen ökologischeren, moralisch unbedenklichen Unternehmen weichen. Welche dies werden, wollte der Festival-Direktor noch nicht preisgegeben.
"Festivals sind generell schlecht für die Umwelt. Autos, Beleuchtung und Abfälle verbrauchen eine Menge Energie. Wir wollen ein “grünes“ Festival schaffen. Seit Jahren schon versuchen wir so wenig Papier und Energie zu verschwenden, wie möglich“, so der Berlinale-Leiter. Doch nicht nur die Sponsoren werden ausgetauscht. Kosslick fordert die Welt heraus mehr Verantwortung zu übernehmen. Dementsprechend wird das Catering auf der nächsten Berlinale weniger Fleisch enthalten. Grüner soll sie werden, die Berlinale 2011. Ganz vegetarisch jedoch darf es nach Kosslick nicht werden, “was würde der Berlinale-Bär dazu sagen...“, schmunzelte er.
Mit Filmen möchte Kosslick der Welt Missstände aufzeigen, die Teil des täglichen Lebens sind und die wir doch so gern verdrängen. Das Berlinale Motto von 2003 "towards tolerance“ ist für den Berlinale-Leiter noch heute aktuell.
Wo die guten Filme herkommen
Auch die Filmauswahl lässt er sich nicht nehmen. Als Art-Director trägt er die volle Verantwortung für die jungen Talente, die sich mit manch kontroversen Themen gegen die Konkurrenz durchsetzen. Auf der Berlinale wird es, wie jedes Jahr, den Talent Campus geben, zu dem sich junge, talentierte Menschen aus allen Ländern mit ihren Filmen bewerben können. Auch diejenigen, die sich eine Reise nach Berlin niemals leisten könnten. Denn wenn sie ausgewählt werden, bekommen sie außer dem Flug auch eine Woche lang Unterkunft und Verpflegung in Berlin bezahlt.
Wie wählt man die richtigen Filme aus, zumal der Balanceakt zwischen Business Manager und künstlerischer Leitung nicht so ganz einfach ist? "Niemals einen Film alleine ansehen. Es ist wichtig, danach über den Film zu reden, damit man unterschiedliche Wahrnehmungen teilen kann", antwortete Kosslick.
Als Döbler nach den Filmen der Berlinale 2011 fragt, gibt sich Kosslick geheimnisvoll – die Planung für die nächste Berlinale beginne erst im September, auf dem Weg nach Hollywood und Kalifornien, zur Filmschau. Nachdem die neuen Produktionen gesichtet wurden, wird selektiert welche im nächsten Jahr rechtzeitig fertig werden. Am Ende entscheidet dann eine Jury über die Filmneuheiten. Dabei lässt es sich Kosslick natürlich nicht nehmen, selbst mit auszusuchen. Doch um bei tausenden Produktionen den Überblick zu behalten, bedarf es Helfer auf der ganzen Welt. Hauptsache am Ende stimmt die Mischung.
Unzertrennlich - Berlin und die Berlinale
Eine Hommage an Berlin gibt der künstlerische Leiter, wenn er von der Stadt erzählt. Doch das war längst nicht immer so. "Das heutige Berlin basiert auf Kultur, die Medienunternehmen und Geld anzieht", erklärt er, "Als ich 2001 aus NRW nach Berlin kam, gab es nur viele Hunde, einen Bürgermeister und mich." Der Wandel vollzog sich rasant, die kulturelle und touristische Entwicklung brachte Unternehmer und Investitionen. Kosslicks Investitionstipp: "Kauft eine Wohnung in Wedding, Moabit oder Friedrichshain. Das sind die Hot-Spots in der Zukunft. Vielleicht ist auch Hohenschönhausen in 20 Jahren ein beliebter Wohnort.“ Selbst für die Stadtverwaltung hat Dieter Kosslick einen Tipp parat: "Statt des Stadtschlosses sollte ein riesiger Gemüsegarten gebaut werden, in der Größenordnung von Louis XIV."
Wenn es dann irgendwann mal vorbei sein sollte mit der grünen Berlinale, bleibt immer noch die Wahl zum Kulturstaatsminister: "Wenn der derzeitige Minister seinen Job aufgibt, werde ich mich bewerben", witzelte Kosslick. Bis dahin gibt es hoffentlich noch viele weitere Jahre Internationale Filmfestspiele in Berlin.
