
- London im November - Jeannine Hélène Teichert
Harold lebt in London. Er ist 49 Jahre alt und gerade arbeitslos geworden. Und er hat ein seltsames Hobby, er erhängt sich gerne. Im Hausflur und höchstens einmal im Monat, aber nie Dienstag und nie nach 21 Uhr. Die Hausbewohner haben sich längst an ihren eigenartigen Nachbarn gewöhnt, doch die Vertretung des Postboten scheint in ihrem Leben noch keinen Menschen mit Strick um den Hals gesehen zu haben, so laut schallt ihr Schrei durch das Treppenhaus.
Sommerhit 2010
Der "Sommerhit des Jahres" titelte die FAZ. Erzählt aus einer eher untypischen Perspektive eines mittelosen, depressiven Engländers, der sich durch die unheimliche Begegnung mit einem überdurchschnittlich intelligenten Elfjährigen auf der Suche nach dem leiblichen Vater, quer über die großbritannische Insel jagen lässt.
Die unheimliche Begegnung
Doch wie kommt es dazu? Es ist Donnerstagabend. Harold ist nach einem verlorenen Bridge-Spiel gerade rechtzeitig nach Hause gekommen, um den Fernsehfilm des Abends zu sehen. Doch dann klingelt es an seiner Haustür: "Eigentlich unmöglich. Es kann sich nur um ein Versehen handeln. Vielleicht Kinder, deren Beschäftigung Spaß ist." Nach einigen Momenten des Zögerns öffnet er schließlich die Tür. Die neue Nachbarin bittet ihn eine Woche lang auf ihren Sohn aufzupassen, da sie selbst beruflich verreisen muss. Ohne eine Einwilligung abzuwarten, erklärt die junge Frau dem wortkargen Harold kurz und bündig was er in der Handhabung des jungen Melvin beachten müsse, bedankt sich und verabschiedet sich. Zurück bleibt ein verstörter Harold, der sich absolut sicher ist, "dass in den nächsten zehn Sekunden das Dach einstürzen wird".
Der nächste Morgen
Am Freitag steht der geistreiche und redselige Melvin vor Harolds Tür und erklärt ihm in aller Ruhe, dass er ein Savant sei. Ein Genie mit fotografischem Gedächtnis, doch glaubt er selbst autistische Züge aufzuweisen und möchte jeglichen Körperkontakt vermeiden.
Charakterportrait
Obwohl die beiden Hauptfiguren nur sieben Tage miteinander verbringen, gerät Harolds geordnete Welt, mit Melvin an seiner Seite, ordentlich aus den Fugen. Sie begeben sich auf eine Reise durch ganz England und sogar bis nach Irland, auf der Suche nach Melvins Vater. Mit viel Situationskomik und Wortwitz beschreibt der Autor detailgenau Charakterzüge und Verhaltensweisen der ungleichen Protagonisten. Als Leser findet man sich schnell in die Gegebenheiten ein und folgt mühelos den abenteuerlichen Reisen von Harold und Melvin.
einzlkind - Der Autor
Der Autor publiziert unter den Pseudonym „einzlkind“ und möchte anonym bleiben. Vom Klappentext erfährt der Leser, dass er in London oder in Deutschland lebt, nicht raucht und sich erst kürzlich einen Ersatz für seine defekte Kaffemaschine kaufte. Erstmalig in der langjährigen Geschichte des Verlags ist ein unverlangt eingesendetes Manuskript ohne Weiteres publiziert worden. Und dies war sicher keine schlechte Entscheidung.
einzlkind: "Harold“. Roman. Edition Tiamat. Verlag Klaus Bittermann, Berlin 2010. 224 Seiten, 16,00€.
